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	<title>Gegen Personalausbeutung im Gesundheitssystem</title>
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		<title>Was der Punkt ist</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Dec 2008 19:24:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>hansmeiser42</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin seit ein paar Monaten selber Arzt, also ich habe gerade mein Studium der Humanmedizin abgeschlossen. Ich nenne mich aus Datenschutzgründen in diesem Blog Hans Meiser. Die Praxiszeit während meines Studiums hat mir gezeigt, dass das Maß an Leistung, die insbesondere Assistenzärzte in Krankenhäusern bringen müssen, wenn sie ihre Stelle behalten wollen, die Belastbarkeit auch eines überdurchschnittlich belastbaren Menschen auf Dauer im Grunde übersteigt. In jedem Fall ist es so, dass das Erbringen der geforderten Leistung für die Betroffenen gravierende Einbußen ihrer Lebensqualität im Vergleich zu anderen Berufsgruppen in welcher Branche auch immer bedeutet. Zum einen, weil bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von über 60 Stunden einfach wenig Zeit für ein Privatleben bleibt und zum anderen, und das ist der wichtigere Faktor, weil die Leistungs- und Verantwortungsdichte innerhalb dieser über 60 Stunden pro Woche derartig hoch geworden ist, dass nach Feierabend einfach keine Energie mehr übrig ist. Jetzt werden Angehörige anderer Berufsgruppen wahrscheinlich denken, ach, die jammern doch einfach nur die Ärzte, mein Job ist auch anstrengend, ich bin auch erschöpft, wenn ich nach Hause komme und ich hätte auch gerne mehr Zeit für mein Privatleben. Der Punkt ist jedoch: Es ist alles eine Frage des Maßes. Die Arbeitsbelastung eines großen Teils der deutschen Arbeitnehmer ist vergleichbar mit der Arbeitsbelastung eines Arztes auf einer reinen Forschungsstelle. Es gibt Projekte, deren Termine eingehalten werden müssen, es gibt einen Chef, der Druck macht, es gibt Meetings, man muss Vorträge halten, es gibt auch mal ein paar Überstunden aber im Großen und Ganzen hält man es doch ganz gut aus hinter seinem Schreibtisch.</p>
<p>Ein Assistenzarzt trifft im Minutenrhythmus Entscheidungen, die potentiell tödlich für den Patienten enden können, seine Arbeitsleistung wird mehrmals täglich bei Frühbesprechung und nachmittäglichen Oberarztbesuch kontrolliert und die Menge der zu erbringenden Leistung pro Tag ist vor allem glasklar und unverschieblich vorgeschrieben. Das Krankenhaus bekommt pro Patient eine bestimmte Menge Geld, also muss es, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen eine bestimmte Anzahl Patienten pro Tag aufnehmen und entlassen. Die Menge der durchzuschleusenden Patienten, die jeweils einen vorbestimmten festgelegten Workload bedeuten ist festgelegt und daran ist nicht zu rütteln. Die Arbeitsbedingungen waren auch vor 30 Jahren für Assitenzärzte schon hart. Jedoch durch die Einsparungen der letzten Jahre müssen heute weniger Stellen mehr Patienten versorgen. Vielerorts wurden die Anzahl der Arztstellen in den letzten 10 Jahren glatt halbiert während die Anzahl der versorgten Patienten hochgefahren wurde. Sogenannte Prozessoptimierungen, die die Arbeitsabläufe effizienter machen sollen, haben nur einen Bruchteil der Mehrbelastung ausgleichen können. Ein Assistenzarzt, der die geforderte Patientenzahl pro Woche, die möglichst fehlerfrei durchgeschleust werden sollen, nicht schafft, dessen meistens auf 2 Jahre befristeter Vertrag wird nicht verlängert, ganz einfach. Also werden in rauen Mengen unbezahlte Überstunden angehäuft. Aber wie gesagt, das Hauptproblem ist die Arbeits- und Verantwortungsdichte und der Zustand der permanent versuchten Selbstbeschleunigung, weil man ja nicht um 22 Uhr nach Hause gehen will, sondern lieber vielleicht um 19 Uhr. Natürlich kommt es auch gehäuft zu Fehlern, wenn man permanent versucht, seine Arbeitsgeschwindigkeit zu erhöhen, um wenigstens noch ein kleines bisschen Privatleben zu haben. Auf strapaziöse Nachtdienste, die die allgemeine Belastung erhöhen, möchte ich gar nicht weiter eingehen. Nur so viel: Das was an Diensten und Pausen auf dem Papier steht, ist sehr häufig absolut nicht das, was tatsächlich abgelaufen ist. Es ist in deutschen Krankenhäusern auch beileibe keine Ausnahme, wenn von Arbeitnehmern, die offiziell eine halbe Stelle innehaben und auch so bezahlt werden, die übergeordnete Hierarchieebene mehr oder weniger unverblümt trotzdem eine 50h-Woche einfordert, den zeitlich befristeten Vertrag im Hintergrund. Auch für das Pflegepersonal möchte ich eine Lanze brechen, denn auch hier leisten immer weniger Stellen immer mehr Patientenpflege, wie soll das eigentlich funktionieren? Das Pflegepersonal ist nur am rennen bzw. sehr zügigen gehen. Patienten bekommen ihre Bettpfannen nicht rechtzeitig, pinkeln ins Bett und müssen in dem vollgepinkelten Bett dann auch noch 15 Minuten sitzen bleiben, weil einfach nicht genug Pflegepersonal da ist. Und was passiert, um alle diese Mißstände zu beheben? Nichts. Und zwar deswegen, weil einfach zu viele Leute an den entscheidenden Stellen ein Interesse daran haben, dass die Dinge genau so bleiben wie sie sind. Welches Interesse hat ein Chefarzt, der in seinen Augen alle Möglichkeiten die Abläufe zu optimieren ausgeschöpft hat, daran sich mit dem Träger des Krankenhauses, also der Stadt, dem Land, dem kirchlichen Träger oder dem Konzern anzulegen, damit er mehr Assistenzärzte anstellen kann? Gar keines. Denn der Träger wird antworten, dass das Krankenhaus eben wirtschaftlich arbeiten muss, also mit den Zahlungen der Krankenkassen pro behandelten Patient auskommen muss, sonst sei das Krankenhaus falsch organisiert und er müsse es eben richtig organisieren. Wenn er sich das nicht zutraue, müsse man eben einen Chefarzt einstellen, der es sich zutraut. Wieviel die Krankenkassen den Krankenhäusern pro Patient zahlen, wird wiederum maßgeblich vom Bundesgesundheitsministerium beeinflusst und die haben wiederum überhaupt kein Interesse, den Wählern höhere Krankenkassenbeiträge zuzumuten. Also hat das Krankenhaus am Ende immer noch nicht mehr Geld für mehr Stellen und das Personal muss weiterhin mehr leisten als es eigentlich kann und mehr als wofür es bezahlt wird. Nichts passiert. Die Lösung für das Personal liegt auf der Hand: Der Streik. Da man sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, gesundheitliche Risiken für die Patienten in Kauf zu nehmen, entschied man sich in der Vergangenheit nicht allzu radikal und nicht allzu lange zu streiken. Also streikte man ein paar wenige Tage mit Notbesatzung im Hintergrund. Der wirtschaftliche Schaden war erstens sehr limitiert und traf zweitens im Grunde die Falschen, nämlich das Krankenhaus selber, das sowieso kein Geld hatte. Diejenigen, die wirklich die Macht hätten etwas zu ändern, nämlich Bundesgesundheitsministerium und Krankenkassen, gerieten nur sehr begrenzt unter Druck, denn durch den Streik sparten sie eigentlich nur Geld, weil ja weniger Patienten behandelt wurden. Ich persönlich war von der Öffentlichkeitsarbeit der Ärztegewerkschaft Marburger Bund enttäuscht. Und zwar deswegen, weil es den betreffenden Personen, Herrn Montgomery inbegriffen, nicht gelang in Talkshows und Interviews wirklich verständlich und einleuchtend darzulegen, warum die Ärzte streikten und dass man sie eben nicht in einen Topf mit anderen Gewerkschaften wie die Piloten- oder Lokführergewerkschaften, die meiner Meinung nach eher aus Gier als aus Not streikten, werfen konnte. Ich habe noch keinen ärztlichen Vertreter gesehen, ob von Gewerkschaft oder Ärztekammer, der in meinen Augen wirklich überzeugend und klar die Situation des Ärzte darlegen konnte, ich habe fast nur allgemeine Floskeln gehört, die genauso gut von jeder anderen Gewerkschaft hätten kommen können. Dies müsste jedoch mal passieren, um das Personal zu einen und den öffentlichen Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen. Das Personal im Gesundheitswesen hat durchaus die Macht, seine Situation zu ändern, Voraussetzung ist jedoch absolute Entschlossenheit die Sache durchzufechten. Wenn es nach mir ginge, würde das Personal in deutschen Krankenhäusern so lange streiken und nur eine Notbesatzung arbeiten lassen, bis ein Krankenhaus nach dem anderen pleite gehen würde. Und wenn dann tatsächlich ein Krankenhaus nach dem anderen aufgrund des Streiks in die Insolvenz gehen müsste, dann wollen wir doch mal sehen, ob das Bundesgesundheitsministerium seine Verantwortung endlich wahrnimmt. Aber die Gewerkschaft hielt es ja für effektiver ein paar wenige Tage in einigen wenigen Krankenhäusern abwechselnd streiken zu lassen und sich unterstützt von wenig überzeugender Rhetorik mit zwar spürbaren aber angesichts der Gesamtsituation lächerlichen Gehaltssteigerungen für das vorhandene Personal abzufinden. Das Geld ist eigentlich gar nicht so das Problem. Es ist ja mehr so, dass man sich sagt, wenn ich schon permanent systematisch überlastet werde und kaum noch ein Privatleben habe, dann will ich wenigstens gut bezahlt werden. Der Punkt ist doch, dass die Arbeitsbelastung auf ein Level gebracht werden muss, das dem Personal eine vernünftige Lebensqualität ermöglicht. Ich für meinen Teil würde dafür sogar auf Geld verzichten, aber das muss jeder selbst wissen.</p>
<p>Mir geht es jetzt darum, mit diesem Blog einen Beitrag zu leisten. Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann müssen der öffentliche Druck auf die Verantwortlichen maximiert und das Personal geeint werden. Die Menschen verstehen nur dann, was in deutschen Krankenhäusern los ist, wenn sie es ganz konkret an einer Vielzahl von Beispielen gezeigt bekommen und nicht immer nur wohlweislich bekannte allgemeine Gewerkschaftsfloskeln zu hören bekommen.  Ich möchte daher vor allem Assistenzärzte im Krankenhaus aber auch Pflegepersonal und Fachärzte auch im ambulanten Bereich ermutigen, hier auf diesem Blog mittels der Kommentarfunktion untragbare Arbeitsbedingungen zu dokumentieren und damit öffentlich zu machen, natürlich auch unter Pseudonymen. Es darf auch diskutiert werden.</p>
<p>Mit der Hoffnung auf rege Beteiligung,</p>
<p>Hans Meiser</p>
<p><em>&#8222;Auch der längste Marsch beginnt mit einem ersten Schritt.&#8220; &#8211; Lao Tse</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p>Webseite mit Bewertungen von Assistenzärzten über Qualität des Arbeitsplatzes in Kliniken:</p>
<p>www.klinikdirekt.de</p>
<p> (Sehr zu empfehlen, mitmachen!!!)</p>
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